Mit allen Sinnen die Welt begreifen

Die ersten sieben Lebensjahre des Kindes stehen ganz im Zeichen seines körperlichen Hineinwachsens in unsere Welt. Sein geistiges Erwachen im Körper vollzieht das Kind durch Sinneseindrücke, die von außen kommen. In diesen aktiven Wahrnehmungsprozessen erfährt das Kind seine Umwelt und auch sich selbst in seiner menschlichen Individualität. Es tastet sich gleichsam in die Welt hinein, greift nach ihr, was auch immer ein Be-Greifen ist.

Unser Hauptanliegen ist es darum, dem Kind eine Umgebung zu schaffen, die seinem Bedürfnis nach vielfältiger Erprobung seiner Sinne entgegen kommt: Darum backen wir z. B. mit den Kindern Brot und Brötchen. Sie dürfen ihre Körperkraft an der Mühle erproben, das warme weiche Mehl fühlen, wenn es aus den Mahlsteinen kommt. Den Teig mit Öl, Quark und Wasser geschmeidig kneten und phantasievoll die Brötchen für unser Frühstück formen und verzieren, bevor sie im heißen Ofen gebacken werden. Dann duftet der ganze Kindergarten köstlich nach frischem Backwerk und es schmeckt herrlich!

Was also Sinneserfahrung, kindliches Spiel, Phantasie ist, wird zu Weltverstehen, wird Grundlage für kreative Denkprozesse. Das Kind kann so Vertrauen fassen in unsere wunderbare Welt und in sich selbst.

Die Sinne des Kindes sind offen für alles, was von außen, von der Umgebung, von den Erwachsenen auf das Kind einwirkt. Darum sind nur die wenig ausgestalteten Spielmaterialien zur Pflege der Sinnesentwicklung geeignet.

Das Kind sollte durch Nachahmung der Erwachsenen, der Erzieher, bewusst zu phantasievollem Spiel angeregt werden. Das Spielmaterial im Waldorfkindergarten ist einfach und vielfältig: Körbe mit Tannenzapfen und Kastanien, Aststücke und Steinen, Muscheln und Schneckenhäuser, Tücher und Spielständer, Bänder, einfache Puppen, gestrickte Tiere. Nichts ist fertig, alles kann sich verändern. Von einem Augenblick zum nächsten wird ein Stückchen Holz, gerade noch als Bügeleisen benötigt, zum Telefon. so werden Phantasiekräfte gepflegt und entwickelt, die später zur Grundlage eines kreativen Denkens werden können.

Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.
(Francis Picabia)

Die Aufgabe der Erziehenden ist es daher, dem Kind eine solche Umgebung zu schaffen, die ihm ermöglicht, dasjenige zur Entfaltung zu bringen, was in ihm bereits lebt.


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